Durch den Pestizideinsatz erkrankten sie an Krebs- und Parkinson: Drei betroffene Landwirte berichten – Vertreter französischer „Mutuelles“ unterbreiten konkrete Präventionsvorschläge
Rezent hatte der Mouvement Ecologique zu einer öffentlichen Konferenz eingeladen, die besonders betroffen machte. Das Thema: In Frankreich erkennen Krankenkassen mittlerweile gewisse Krankheiten, die durch den Einsatz von Pestiziden bedingt sind, als Berufskrankheit an. Neben Forderungen für einen präventiven Gesundheitsschutz gegen steigende Kosten für an Krebs- und Parkinson erkrankte Personen, erstellen sie ebenfalls solche zur Reduktion des Pestizideinsatzes.
Im Rahmen einer Tournee durch fünf europäische Länder mit dem Slogan „Odysée pour notre santé“ waren eine Reihe von betroffenen Landwirten auch in Luxemburg. In einem symbolischen Fahradcortège wollten sie auf die dramatischen gesundheitlichen Probleme, die aufgrund des Pestizideinsatzes entstehen können, aufmerksam machen und ihre Anregungen einer breiten Öffentlichkeit darlegen.
Wer den Betroffenen zuhörte, der konnte nicht anders als ergriffen sein.
Los ging der Tag mit dem Ankommen der Radfahrer:innen im Oekozenter Pfaffenthal und einem gemeinsamen Mittagessen, gefolgt von einer Pressekonferenz.
Um 18:15 Uhr fand dann eine öffentliche Konferenz vor einem sehr interessierten Publikum statt. Anwesend waren auch Jeff Boonen, Präsident der Landwirtschaftskommission der Abgeordnetenkammer sowie Christian Hahn, Präsident der Landwirtschaftskammer ebenso wie Djuna Bernard, Abgeordnete der Grünen ebenso Landwirte, Ärzte und andere Akteure aus dem Gesundheitssektor sowie interessierte Bürger:innen.
Systematische Belastung der Luxemburger Bevölkerung durch Pestizide
Der Abend begann mit einer kurzen Vorstellung von Roger Dammé des Mouvement Ecologique, in welcher er kurz die Analysen zur Pestizidbelastung in Luxemburg vorstellte. Aus diesen ging hervor: Wir haben in Luxemburg eine breite Belastung der gesamten Bevölkerung durch Pestizide.
„Mutuelles“ machen sich stark gegen den Pestizideinsatz
Zweiter Redner war Martin Rieussec-Fournier, Vorsitzender der „Association des Mutuelles pour la santé planétaire“, die 20 „Mutuelles“ aus Frankreich sowie Belgien vertritt, der die Kampagne vorstellte. Er legte dar, dass immer jüngere Menschen erkranken und mittlerweile fachlich unumstritten ist, dass auch ein Zusammenhang mit dem Einsatz von Pestiziden besteht. Er führte wissenschaftliche Studien an, u.a. von der Inserm – dem „Institut national de la santé et de la recherche médicale“ (einem öffentlichen Forschungs- und Wissenschaftsinstitut).
Es war aber auch in Frankreich ein langer Weg, bis gewisse Erkrankungen als Berufskrankheit aufgrund des Pestizideinsatzes angesehen wurden, doch würden sich immer mehr Betroffene melden.
Warum setzen sich nun die Krankenkassen in Frankreich für die Reduktion des Pestizideinsatzes ein? Neben dem klaren Ziel, Menschen vor Krankheiten zu bewahren, geht es auch darum, langfristig Kosten zu reduzieren. Die hohen Kosten, die durch pestizidbedingte Erkrankungen entstehen würden, wären eine große finanzielle Bürde für die Krankenkassen.
Große Betroffenheit angesichts des Schicksals der erkrankten Landwirte und eines Landschaftsgärtners
Bemerkenswert waren aber vor allem die „témoignages“ von drei betroffenen Personen.
José Nadan sowie Denis Benoit, Landwirte, beide erkrankten an Prostatakrebs, der als Berufskrankheit anerkannt wurde. Sie berichteten, wie unbekümmert sie Pestizide eingesetzt haben und dass sie jetzt sogar zum Teil ein schlechtes Gewissen hätten und sich schämten, da sie über Jahre hinweg mit derart giftigen Substanzen gearbeitet und nicht nur sich, sondern auch ihre Familie und andere Menschen gefährdet haben. Sie wären sich des Problems nicht bewusst gewesen, hätten auch unter dem Druck hohe Erträge erwirtschaften zu müssen, gehandelt. Nunmehr sei es ihr Anliegen, andere vor den dramatischen Konsequenzen zu warnen. In berührenden Worten erzählten sie über ihren Umgang mit der Krankheit und den Folgen für ihr Leben.
Daniel Bodénès, Landschaftsgärtner, ist an Parkinson erkrankt und entschuldigte sich zuerst für evtl. Sprachprobleme, die er habe (wobei sein Beitrag aber sehr gut vorgebracht wurde). Seine Krankheit verschlimmere sich zusehends. Bestürzend war, er führte gemeinsam mit einem Partner eine Firma, und auch dieser ist an Parkinson erkrankt. Daniel Bodénès ging vor allem auf das Schicksal der Betroffenen ein, aber auch auf das Unwissen, das er beim Einsatz der Pestizide hatte.
Wie im Laufe der Vorträge angeführt wurde, war das blinde Vertrauen darin, dass man sich mit einzelnen Maβnahmen (Schutzanzug o.ä.) vor Folgen schützen könne, ein großes Problem. Denn Fakt sei eher, dass man sich de facto nicht schützen könne – es wäre die Haut, die vor allem Pestizide aufnehme. Masken würden kaum etwas bringen, Schutzanzüge eher dazu führen, dass Pestizide noch direkter im Kontakt mit der Haut seien.
Bayer (Monsanto) hat 10 Milliarden USD für einen US-weiten Massenvergleich ausgegeben. In anderen Worten: um ein Gerichtsurteil zu vermeiden, zog die Firma es vor, freiwillig Betroffene zu entschädigen.Dies ist nur ein Beispiel unter vielen anderen, die aufzeigt, wie problematisch die Situation ist.
Die klare Ansage am Abend: Pestizide müssen verboten – pestizidbedingte Krankheiten als Berufskrankheit anerkannt werden! Die derzeit auf EU-Ebene geplanten Rückschritte würden eine Katastrophe darstellen, wenn sie eintreten würden. Und: der Biolandbau muss unbedingt ausgebaut werden. Eine Forderung ist u.a., dass schwangere Frauen sowie Kinder in den ersten 1000 Tagen ihres Lebens eine sogenannte „ordonnance verte“ erhalten sollen. Dabei handelt es sich um eine Bezuschussung, dass sie während dieser Zeit verstärkt, Biolebensmittel kaufen können, auch wenn diese etwas teurer sind. Denn nachweislich wäre dies gerade in dieser Zeitspanne äuβerst wichtig für Ungeborene bzw. Neugeborene.
Ein Abend, der bei jedem Anwesenden Betroffenheit auslöste. So entstand dann ein reger Austausch auch nachher beim „Patt“. Bleibt zu erwähnen, dass leider sowohl das Umwelt-, das Landwirtschafts- sowie das Gesundheitsministerium nicht vertreten waren, dies trotz persönlicher Einladungen auch an die Minister:innen. Wie lange lässt sich dieses Thema in der Luxemburger Politik noch totschweigen?
Am kommenden Tag war der Mouvement Ecologique mit seinen Gästen eingeladen vor einer Reihe von Schuklassen der Ackerbauschule zu referieren. Es ist äuβerst positiv, dass die Ackerbauschule dieses Thema ernst nimmt und den Betroffenen sowie dem Mouvement Ecologique diese Möglichkeit geboten hat.
Konferenz:
Pressekonferenz:
Fotos:
22.10.2026










