Wie muss sich unser Energiesystem verändern, um die Vorteile der erneuerbaren Energien optimal zu nutzen? Erkenntnisse einer hochinteressanten Konferenz
„Wir haben einen Zustand erreicht, wo wir immer qualitativ zu gleichen Ergebnissen finden. Wenn wir neu rechnen, ändert sich die grundlegende Aussage nicht. Wir wissen es jetzt. Der volkswirtschaftlich günstigste Weg zu einer Energiewende geht über Photovoltaik und Wind.“ Mit diesen Worten brachte Prof. Dr.-Ing. Hans Schäfers, Professor für intelligente Energiesysteme und Energieeffizienz sowie Leiter des Competence Center for Energy Transition (CC4E) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, einen ebenso informativen wie eindringlichen Vortrag auf den Punkt.
Insgesamt rund 75 Personen nahmen an der Online-Konferenz am 1. Juni 2026 teil, die vom Mouvement Écologique mit Unterstützung des Ministeriums für Umwelt, Klima und Biodiversität organisiert wurde.
Im Publikum waren zahlreiche Akteure vertreten, die in Luxemburg direkt mit Fragen der Energiewende befasst sind oder sich dafür interessieren, darunter Vertreter aus Gemeinden und öffentlichen Institutionen, Planungsbüros sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger.
Der Referent verstand es, das vielschichtige Thema der Stromwende wissenschaftlich fundiert und zugleich anschaulich zu vermitteln. Im Laufe des Vortrags, wurde das Publikum schrittweise von den physikalischen Grundlagen des Stromsystems über die Funktionsweise des Strommarkts bis hin zu konkreten Implikationen für die Luxemburger Energiepolitik geführt.
Der Ausbau der erneuerbaren Energien verändert Strommärkte und Netze grundlegend
Ausgangspunkt des Vortrags war die Feststellung, dass für Deutschland – und übertragbar auf Europa – ein wissenschaftlicher Konsens über den kosteneffizientesten Weg zur Klimaneutralität besteht. Fünf große Energiesystemstudien kommen qualitativ zu denselben Schlussfolgerungen: massiver Ausbau von Photovoltaik und Windenergie, Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Mobilität sowie Erzeugung von Wasserstoff aus Überschussstrom zur Überbrückung von Dunkelflauten. Einen technologieoffenen Plan B gebe es nicht – alle Modelle, die sämtliche verfügbaren Technologien berücksichtigen, landen stets beim gleichen Ergebnis.
Das heutige Stromsystem wurde für fossile Energieträger entwickelt, die Energie stetig liefern. Erneuerbare Energien sind hingegen wetterabhängig: ihre Integration verändert die Art und Weise, wie Strom produziert, verteilt und genutzt wird, grundlegend. Prof. Schäfers veranschaulichte diese Herausforderung anhand sehr konkreter Daten: Von den ersten Stunden mit vollständiger Deckung des deutschen Strombedarfs durch erneuerbare Energien im Jahr 2020 bis hin zu ganzen Wochen mit täglichen Überschüssen im Frühjahr 2026 hat sich die Situation rasant verändert. Eine unmittelbare Folge dieser Entwicklung sind zunehmend häufige negative Strompreise an der Börse. Dies ist ein Signal, das erhebliche Chancen für flexible Verbraucher und Speichersysteme eröffnet, langfristig aber nach strukturellen Antworten verlangt.
„Inzwischen sind die erneuerbaren Energien die bestimmende Größe geworden. Der Anteil in Deutschland am Stromverbrauch bei Erneuerbaren liegt bei ungefähr 60%. Von quasi wenig zu bestimmender Größe, das ist ein Schritt, den wir jetzt gemacht haben.“
Smarte Netze, Flexibilität und Speicherung sind Voraussetzungen für eine gelungene Energiewende
Die Phasen mehrtägiger „Dunkelflaute”, die auch mit Batteriespeichern nicht überbrückt werden können, lassen sich nach aktuellem Forschungsstand über Wasserstoff schließen: Überschussstrom wird mittels Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt, in bestehenden Gasspeichern eingelagert und in stromarmen Perioden rückverstromt. Alle fünf maßgeblichen Studien belegten, dass die dabei entstehenden Wasserstoffmengen ausreichten, um diese Lücken zu decken.
Der Referent betonte, dass es wichtig ist die Energiewende insbesondere in den Bereichen Heizen und Mobilität, durch eine zunehmende Elektrifizierung durchzusetzen. Dabei unterstrich Prof. Schäfers die zentrale Rolle flexibel steuerbarer Verbraucher (Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge, Batteriespeicher), die künftig von passiven Stromabnehmern zu aktiven Netzteilnehmern werden müssen. Dynamische Netzentgelte seien ein wirksames Steuerungsinstrument, das in der Forschung seit 15 Jahren erprobt sei. Luxemburg habe hier gegenüber Deutschland sogar einen strukturellen Vorteil: Als kleineres Land könne es entsprechende Regelungen schneller umsetzen. Ohne eine digitale Netzinfrastruktur, also intelligente Zähler, Preis- und Lastsignale in Echtzeit, sei das Gelingen der Energiewende letztlich nicht möglich.
Die Grundlagen sind wissenschaftlicher Konsens, die politische Umsetzung ist zu langsam
Abschließend benannte Prof. Schäfers klar die politischen Hemmnisse: Der wissenschaftliche Konsens werde durch wirtschaftliche Interessen der fossilen Industrie systematisch untergraben.
„Deutschland gibt 80 Milliarden Euro für fossile Brennstoffe aus. Es gibt Menschen, die verdienen 80 Milliarden Euro an Deutschlands Brennstoffbedarf. Die wären ja doof, wenn sie nicht in Opposition gehen würden zu solchen Plänen.“
Gleichzeitig verdeutlichte er, dass die globale Transformation mit einer vielfach unterschätzten Geschwindigkeit voranschreite – 2025 sei das erste Jahr gewesen, in dem der gesamte zusätzliche weltweite Strombedarf durch den Ausbau erneuerbarer Energien mehr als kompensiert wurde. Dabei bremst sich die Politik auch durch parteipolitische Kämpfe aus, statt einen wissenschaftlichen Konsens umzusetzen: nachdem eine Partei die Punkte zur Umsetzung der Energiewende in ihr Programm genommen hatte, wurden im Nachhinein „Alternativen“ vorgeschlagen, die aber volkswirtschaftlich und gesellschaftlich weniger sinnvoll sind.
„Es hat zu dieser absurden Situation geführt, dass alle anderen Parteien sich genötigt sahen, einen Alternativvorschlag zu machen. Und als Wissenschaftler sitzt man dann da und denkt: Um Gottes Willen, was ist denn jetzt passiert? Wir wissen eigentlich, was passieren muss.“
Die Vielzahl an Fragen und Wortmeldungen spiegelte das große Interesse des Publikums an den konkreten Umsetzungsfragen wider.
Die Folien werden in Kürze ebenfalls verfügbar sein und auf dieser Seite online gestellt werden.
04.06.26







