Stellungnahme zu den Reaktionen des Landwirtschaftsministeriums und des Landesobstbauvereins auf rezente Analysen zu Pestizidbelastungen der Äpfel

Die öffentliche Gesundheit muss Vorrang haben!

Probleme kleinreden, ist keine Lösung!

 

Zur Erinnerung: Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte der Mouvement Ecologique eine europaweite Analyse von Pesticide Action Network Europe (PAN Europe) zur Belastung von Äpfeln durch Pestizide. Der Mouvement Ecologique hatte sich an dieser Studie beteiligt und Luxemburger Proben beigesteuert. Insgesamt wurden 59 Proben von jeweils 500 g Äpfeln aus konventionellem Anbau analysiert. 3 Proben stammten aus Luxemburg. Nur 7% aller untersuchten Äpfel enthielten keine Pestizide, die Luxemburger Proben lagen dabei bei der Belastung zudem teilweise über dem EU-Durchschnitt.

Verschiedene Reaktionen zu den Analyseresultaten bewegen den Mouvement Ecologique zu folgender Klarstellung:

  1. Kind beim Namen nennen – die untersuchten Äpfel sind belastet: Das Landwirtschaftsministerium betont, die Äpfel seien nicht belastet, da die gemessenen Rückstände unter den für einzelne Stoffe zulässigen Grenzwerten liegen würden. Dem widerspricht der Mouvement Ecologique. Pestizide gehören nicht in Lebensmittel: auch in geringsten Dosen stellt jedes einzelne Pestizid eine Belastung dar. Das Unterschreiten einzelner Grenzwerte ist kein Kriterium für Unbedenklichkeit!
  2. „Cocktail“ an Pestiziden als besonderes Problem anerkennen: Richtig ist: die gültigen Grenzwerte für die einzelnen Pestizidwirkstoffe wurden bei den durchgeführten Analysen nicht überschritten. Aber: die Luxemburger Proben enthielten im Durchschnitt 5 verschiedene Pestizide (eine Luxemburger Probe sogar 7). Für diesen Chemie-Cocktail gibt es leider aktuell keine angemessenen Bewertungsverfahren, obwohl Studien zeigen, dass diese Mischungen durch kumulative und verstärkende Wirkungen eine Gefahr für die Gesundheit und für die Umwelt darstellen. D.h. die reine Grenzwertdiskussion geht am Problem vorbei. Weder die europäische noch die luxemburgische Lebensmittelbehörde führt derzeit Bewertungen zur kombinierten Toxizität zwischen Pestiziden mit unterschiedlichen Wirkmechanismen durch, obwohl dieses Problem seit langen von allen Akteuren anerkannt ist und es bereits Entschlüsse gibt, diese wesentliche Lücke zu füllen. Nur, dass dies in der Praxis bisher nicht erfolgt.
  3. Vorsorge muss oberstes Prinzip sein: Hinzu kommt, dass die heute gültigen Grenzwerte bei Lebensmittelkontrollen für einzelne Pestizide höchst umstritten sind. Oft wird der gesetzlich vorgeschriebene Wert für die maximal zulässige Belastung, nachdem wissenschaftliche Befunde zur Gesundheitsschädlichkeitvorliegen, im Nachhinein stark verschärft. Zudem gelten eine ganze Reihe der in der Studie nachgewiesenen Pestizide aktuell schon als gesundheitsschädlich und sollten deswegen nicht mehr genutzt werden. Sie stehen z.B. im Verdacht, krebserregend zu sein, wie z.B. Captan oder andere schädliche Auswirkungen zu haben, wie z.B. Entwicklungsneurotoxizität beim Wirkstoff Acetamiprid (ebenfalls toxisch für Bienen). Diese nachweislichen Gesundheitsgefahren in Verbindung mit den Risiken der Auswirkungen der „Pestizidcocktails“ müssten dazu führen, dass das Landwirtschafts-, das Umwelt- sowie das Gesundheitsministerium das Vorsorgeprinzip anwenden. Sprich: sich für eine Pestizidbelastung einsetzen, die gegen Null geht!
  4. Analysen von PAN Europe entsprechen wissenschaftlichen Standards: Die PAN Europe- Analyse und die diesbezüglichen Aussagen des Mouvement Ecologique sind, auch wenn es sich um eine Stichprobe handelt, fachlich begründet. Wissenschaftliche Analysen beziehen sich meist auf Stichproben und sind nicht mit Marktanalysen gleichzusetzen. Sicherlich ist es geboten, dass von öffentlicher Hand noch weitaus konsequenter und systematischer Lebensmittel (und nicht nur Äpfel) auf Pestizide untersucht werden. Rolle einer Umweltbewegung ist es nicht, sich dieser staatlichen Verantwortung zu substituieren, sondern eine bis dato zu passive öffentliche Hand endlich zum Handeln zu bewegen. Bemerkenswert ist, dass die letzten verfügbaren Analysen der Luxemburger Veterinär- und Lebensmittelverwaltung (ALVA) aus dem Jahr 2023 von konventionell produzierten Äpfeln zu den gleichen Resultaten (!) führten (bei übrigens auch „lediglich“ 3 Proben), wie jene von PAN-Europe und dem Mouvement Ecologique: Die konventionell produzierten Äpfel aus Luxemburg wiesen im Durchschnitt Rückstände von 5 verschiedenen Pestiziden auf; die Höchstzahl unterschiedlicher Pestizide in einer Probe lag bei den Proben der ALVA sogar bei 8 und nicht bei 7 wie bei der PAN Europe-Studie. Nur, dass das Landwirtschaftsministerium, wie bereits hervorgehoben, derart belastete Äpfel als nicht problematisch betrachtet, da der (häufig umstrittene) Grenzwert für die einzelnen Substanzen unterschritten wurde.
  5. PAN Europe-Resultate bestätigen vorherige Analysen – die wirkliche Reaktion der öffentlichen Stellen blieb aus: Die Pestizid-Analysen von Äpfeln reihen sich ein in eine ganze Serie von Analysen, die eine generelle Belastung der Bevölkerung Luxemburgs durch Pestizide nachweisen: Haarproben ergaben, dass alle Kinder in Luxemburg mit Pestiziden belastet sind (Untersuchung im Auftrag des Gesundheitsministeriums), Staubanalysen wiesen eine großflächige Kontamination auf u.a.m. Wie viele Analysen braucht es noch, bevor das Landwirtschaftsministerium – sowie das Gesundheits- und Umweltministerium – angemessen reagieren?
  6. Der Schutz von Kleinkindern muss Vorrang haben: Die ersten 1000 Tage eines Kindes (angefangen als Fötus im Bauch) sind prägend für seine lebenslange Gesundheit, darauf verweisen internationale Wissenschaftsakteure, auch das Luxemburger Gesundheitsministerium greift dieses Thema auf.[1] Eine gesunde Versorgung der Kinder ist während dieser Lebensperiode von besonderer Bedeutung. Leider ist derzeit die legale Situation unbefriedigend: Es gibt spezifische Grenzwerte für Kleinkinder bei für verarbeitete Produkte, z.B. Babybrei. Es gibt aber keine diesebezüglichen Grenzwerte für frische Äpfel. Während das Landwirtschaftsministerium daraus folgert, es bestünde kein Grund zur Sorge, ist die Haltung des Mouvement Ecologique folgende: Dem kindlichen Organismus dürfte es aber egal sein, ob er ein Lebensmittel isst, für das es adäquate Grenzwerte gibt oder nicht … An der Belastung ändert dies nichts. Deshalb überträgt der Mouvement Ecologique die gültigen Grenzwerte für verarbeitete Lebensmittel, auf frische …. Das Gesundheitsministerium ist gefordert, umgehend seine Verantwortung übernehmen und hierzu Stellung zu beziehen sowie eine korrekte Information durchführen. Eine proaktive Risikoaufklärung und Vorsorge sind notwendig, besonders Kleinkinder müssen maximal geschützt werden!
  7. Bestehende Programme zur Reduktion des Pestizideinsatzes ausbauen: Das Ministerium verweist darauf, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der luxemburgischen Landwirtschaft seit 2016 insgesamt um mehr als 50 % reduziert wurde. Dies ist ausdrücklich zu begrüßen! Aber Fakt ist: die Zahlen dieser und auch voriger Studien (Pestizidbelastung in Haaren, Ewigkeitschemikalien in Wasser und Lebensmittel) belegen, dass die Belastung weiterhin zu hoch ist und verstärkt an einer weiteren substanziellen Reduktion gearbeitet werden muss! Ebenfalls ist die Aussage zu begrüßen, dass im Obstbau im Jahr 2024 schon fast die Hälfte der Anbaufläche ohne Fungizide und Insektizide bewirtschaftet wurden – doch was hält die andere Hälfte (von denen offensichtlich dann die Proben aus der Studie stammten) davon ab, auch auf diesen Weg zu gehen? Als Konsument:in wäre es zudem interessant zu wissen, ob es sich bei den Anbauflächen, die ohne diese Chemikalien auskommen, primär um privat bewirtschaftete und bei den „intensiveren“ um kommerzielle Betriebe handelt? Generell gilt: der Einsatz an Pestiziden ist trotz der positiven Entwicklung bei weitem zu hoch; es sind verstärkte Maßnahmen notwendig. Ein Ansatz läge z.B. im Schulobstprogramm, wo seit Jahren die Chance versäumt wird, ein Absatz für Bio-Äpfel aus Luxemburg zu schaffen.
  8. Daten zum Pestizideinsatz offen legen :: Die europäische Gesetzschreibung schreibt vor, dass professionelle Anwender von Pestiziden detaillierte Aufzeichnungen über deren Einsatz führen müssen und Dritte – darunter auch Anwohner:innen und andere Betroffene – über die zuständigen Behörden Zugang zu diesen Informationen erhalten können[2]. Deshalb wäre es einer sachlichen Diskussion äußerst zuträglich, wenn Luxemburg dieser Verpflichtung nachkommen würde und regionale Register über den Einsatz von Pestiziden öffentlich machen würde. Nichts spricht auch dagegen, dass die professionellen Anwender ihren Kund:innen Einsicht in deren „Sprühregister“ geben.
  9. Essen Sie unbehandelte (Bio-)Äpfel: Vom Verzehr von Obst sei nicht abgeraten! Aber essen Sie Bio-Äpfel, sich und der Umwelt zuliebe. Und wenn doch aus konventionellem Anbau: Waschen Sie diese gut ab (Waschen entfernt nicht alle Pestizide, hilft aber) und schälen Sie die Äpfel (auch dies entfernt leider nicht alle Pestizide).

Das Landwirtschaftsministerium – aber auch das Gesundheits- und Umweltministerium – müssen aktiv werden: Pestizideinsatz und dessen Reduktion obliegt klar dem Landwirtschaftsministerium, doch die negativen Auswirkungen auf Gesundheit, Biodiversität, Boden und Wasser verlangen eine ressortübergreifende Herangehensweise. Diese Stimmen vermisst man derzeit in der Debatte.

 

Schlussfolgerung des Mouvement Ecologique: Die Reaktionen von offizieller Seite vermitteln den Eindruck, als sei die Situation in Ordnung, nur da umstrittene und unzureichende Grenzwerte unterschritten werden.

Gerade hierin liegt das Problem. Seit langem wird das grundsätzliche Problem der Pestizidbelastung seitens der Regierung negiert. Denn auch wenn nun letztendlich die Analysen von Äpfeln zu besonderen Debatten in der Öffentlichkeit geführt haben: sie stehen symbolisch für ein generelles Problem der heutigen Landwirtschaftspolitik. Es ist weder das Problem eines einzelnen Produzenten noch eines einzelnen Produktes, sondern ein systemisches.

Die Verdrängung dieser grundlegenden Problematik wird nur zu einer verstärkten weiteren Polarisierung zwischen den Akteuren bzw. einer Verunsicherung der Verbraucher:innen führen, widerspricht eindeutig dem Vorsorgeprinzip und geht schlussendlich auf Kosten aller: Der Gesundheit, der Umwelt, aber auch der betroffenen Produzenten.

Die rezenten Analysen zu den pestizidbelasteten Äpfeln reiht sich in eine ganze Reihe von vorherigen ein. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Wir müssen umsteuern und das heutige Landwirtschaftsystem reformieren! Weg von Pestiziden, hin zum Biolandbau und einem optimierten integrierten Anbau. Im Interesse der Produzenten, aber auch der Umwelt und der Gesundheit von uns allen und vor allem den Schwächsten, den Kindern.

Der Mouvement Ecologique steht für einen strukturierten Dialog über die Thematik zur Verfügung. Dieser sollte zwischen allen Akteuren unter der Federführung der Ministerien für Landwirtschaft, Umwelt und Gesundheit stattfinden.

 

Luxemburg, 4. Februar 2026