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Wéi stelle mir eis eis Zukunft vir?

Von Co-Mobilität, Co-Arbeit, Co-Wohnen hin zu Co-Leben.

50 Jahre Meco sind sowohl ein Anlass zurückzublicken, als auch eine Möglichkeit vorauszuschauen was die Zukunft bringen mag. Jeder hat Gedanken und Ideen zur Zukunft und dazu, wie man in Zukunft leben möchte. Am 10. November 2018 haben unter dem Geburtstagsmotto der Meco „Leit brauche Visiounen. Visoune brauche Leit.“ 28 Leute einen Tag lang lebhaft über mögliche Zukünfte diskutiert.

Um einen Perspektivenwechsel zu ermögliche und ggf. auch mal Dinge sagen zu können, die man sonst nicht sagen würde, bekam jeder Teilnehmer gleich zu Beginn eine Rolle zugewiesen. Das konnte z.B. Vertreter des Ministeriums für biologische Vielfalt oder Vertreterin einer lokalen Energiekooperation sein. Ausgehend von diesen Rollen wurden dann Zukunftsthemen in ständig wechselnden Kleingruppen erörtert.

Die Diskussionen reichten von gesellschaftlichen Paradigmenwechseln bis zu konkreten Ideen für lokale Ansätze zur Kreislaufwirtschaft. Um ein paar Eindrücke zu geben greift der Text ein paar Aspekte heraus – ohne Anspruch auf eine balancierte Zusammenfassung des Workshops.

Wie soll die Zukunft aussehen?

Der Workshop bot Einblicke in eine bunte Palette möglicher wünschenswerter Zukünfte. Allgemein wurde der Wunsch nach einem gesellschaftlichen Paradigmenwechsel deutlich. Grundsatzfragen über das Funktionieren unserer Gesellschaft und Wirtschaft wurden genauso angedacht wie konkrete Ideen für lokale Ansätze einer gelebten Kreislaufwirtschaft, z.B. in Bezug auf Wohnen, Essen & Lebensmittel und Energie.

Wie wollen wir wohnen? Die Zukunft des Wohnens ist urban geprägt, d.h. hohe Dichte und Geschosswohnungsbau statt Einfamilienhausglück. Das geht einher mit einer hohen Durchmischung sowohl unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen als auch unterschiedlicher Nutzungen. Im Idealfall befinden sich Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Freizeit, Erholung und Natur in Gangabstand. Dabei wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass hohe urban Dichte auch nahegelegene Naturgebiete und die Möglichkeit zu Gemeinschaftsgärten erlaubt. Um Wohnen bezahlbar zu machen, sollten man vielleicht auch Grund- und Boden als Handelsware in Frage stellen.

Wie wollen wir uns ernähren und wo kommen die Lebensmittel her? Wünschenswert sind 100% bio-Lebensmittel, möglichst aus kleinen regionalen Produktionen. Um uns gesund und natürlich zu ernähren, sind wir bereit für ökologische und qualitative hochwertige Lebensmittel tiefer in die Tasche zu greifen und mehr Zeit zu opfern. Insgesamt bekommen Ernährung und Landwirtschaft einen deutlich höheren Stellenwert in der Zukunft. Das betrifft sowohl das Berufsbild des Landwirts als auch Kleingärten, Gemeinschaftsgärten und Lebensmittelproduktion auf Balkonien. Der Fokus liegt auf einer integralen alternativen Landwirtschaft und Insekten als Nahrungsmittel.

Wie wollen wir mit Energie umgehen, woher kommt sie, wohin geht sie? Dezentrale Produktion erneuerbarer Energien (z.B. direkt auf/an Gebäuden), die dezentrale Speicherung von Energie, die Kreislaufwirtschaft und die volle Ausschöpfung aller Einspar- und Produktionspotentiale stehen im Vordergrund. Da der Zugang zu Energie ein gesellschaftliches Grundbedürfnis ist, kann Energie keine Handelsware sein, bei der Spekulation und Wirtschaftsinteressen über dem Wohl der Gesellschaft stehen. Es müssen also neue Wege gefunden werden, um Nachfrage und Angebot zusammenzubringen und Anreize für einen möglichst sparsamen Umgang mit Energie zu setzen.

Beispiele aus den Diskussionen

 

Das Kreislaufwirtschaftshochaus

Eine Gruppe entwickelte das Konzept für ein Kreislaufhochhaus, mit u.a.

  • einer hauseigene Klär- und Biogasanlage in Keller,
  • einem Insektenhotel zur Förderung der biologischen Vielfalt und Züchtung von Insekten als Nahrungsmittel,
  • Büroflächen mit Co-Arbeitsflächen,
  • unterschiedlichen Weiterbildungseinrichtungen und Tele-learning Centren,
  • unterschiedlichen Wohnangebote für unterschiedlichste Wohnformen inkl. Co-Wohnen,
  • Gemeinschaftsküchen und Restaurants, und
  • Gemeinschaftsgärten auf dem Dach.

Im direkten Umfeld des Gebäudes gibt es dann einen Wochenmarkt, Gärten, Schulen und Naherholungsflächen.

Gesellschaftlicher Paradigmenwechsel

Wie auch immer eine wünschenswerte Zukunft aussehen mag, der Mensch und insbesondere die Zufriedenheit der Bevölkerung muss im Mittelpunkt stehen. Es geht also um eine Abkehr von reinen wirtschaftlichen Zielen und dem BIP als das Maß aller Dinge hin zu neunen Wertefragen, die bereits in den Diskussionen zum Thema „beyond GDP“ andiskutiert werden. Dabei müssen auch ökologische Werte im Vordergrund stehen, die über die allgemeinen Ideen der Rifkin-Studie hinaus gehen. Es geht um neue Ansätze zur Sharing Economy und partizipative Entscheidungsprozesse.

Wie erreicht man Veränderung?

Um Veränderung hin zu den gewünschten Zukünften in Gang bringen, bedarf es einer deutlichen Umsteuerung. Unterschiedliche Mischung aus drei Extremansätzen wurden dabei diskutiert:

  • Eine Ökodiktatur mag der einfachste und gradlinigste Weg sein um neue Regeln und Mindeststandards einzuführen. Die Umstellung auf die Kreislaufwirtschaft ließe sich als eine von oben herab verordnete Veränderung unseres Wirtschaftssystems denken. Entspräche eine solche Ökodiktatur unserem Gesellschafts- und Demokratieverständnis?
  • Freiwilligkeit und die Überzeugung der Wirtschaftsakteure und der Bevölkerung sind eine weitere Alternative um die Umstellung einzuleiten. Dabei stehen Kommunikation, zuverlässige und neutrale Information und Erziehung im Vordergrund. Wollen wir eine „Umerziehung“ wollen und wie groß ist das Vertrauen in staatliche Information?
  • Oder es ergeht ein Appell an die Eigenverantwortung und die Vision eines konstruktiven Durcheinanders. In diesem Zusammenhang wurde u.a. das Modell des „systemischen Konsensierens“ diskutiert, d.h. das Finden von Lösungen für die der geringste Widerstand besteht. Auch wenn es für kleine Gruppen gut funktionieren mag, ist dem auch so auf nationaler oder gar europäischer Eben?

Dies führte weiter zu der Frage wer der Staat eigentlich ist. Ist der Staat „die da“ oder sind der Staat „wir alle“? Wenn wir alle zusammen der Staat sind, sollten wir nicht auch alle zusammen dann in der Lage sein eine gesellschaftliche Umstellung zu diskutieren?

Wie geht es weiter?

Der Workshop hat viele Anregungen zum Weiterdenken und zum Weiterarbeiten gegeben. Zentrale Themen sind ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel und kleine dezentrale Ansätze für nachhaltiges Leben und Wirtschaften gemäß den Prinzipen der Kreislaufwirtschaft. Mehr konkrete Themen und Fragen waren:

  • Wie soll die Gesellschaft und Wirtschaftsform der Zukunft aussehen, d.h. welchen Paradigmenwechsel wollen wir haben?
  • Wie sieht gelebte lokale Kreislaufwirtschaft konkret aus und welche Schritte sind notwendig?
  • Wie sieht integrative alternative Landwirtschaft aus? Wie können gesunde und ökologische Nahrungsmittel und ihre Produktion die notwendige Wertschätzung erfahren?
  • Können wir von der Sharing Economy als Alibikonzept auf einen ganzheitlichen ökologischen Ansatz z.B. in Form von Co-Leben umstellen?
  • Wie kann man Visionen auf lokaler Ebene fördern, um lokale Veränderungen zur konkreten Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft voranzubringen?
  • Sollten wir öfter ergebnisoffen über die Zukunft reden um voneinander zu lernen und neue Ideen zu entwickeln und nicht nur Ideen andere anhören?

Hoffentlich gibt es in den nächsten Jahren noch viele Gelegenheiten diese Themen zu diskutieren und konkrete Umsetzungen anzugehen. Die Zukunft wird in co-kreativen Prozessen gemeinsam gestaltet, sowohl im Dialog mit Experten als auch im konstruktiven Durcheinander mit der interessierten Öffentlichkeit.